Predigt am Sonntag, 13. September 2009, in Adenau, St. Johannes der Täufer

mit Beteiligung der KG Adenau anlässlich ihres 50jährigen Bestehens        

 Lesung: Jak 2 14-18;            Evangelium: Mk 8, 27-35.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

auf den ersten Blick haben Kirche und Karneval keine große Schnitt­men­ge. Man könn­te sagen: sie stehen in Konkurrenz. Vielleicht ähn­lich wie Räuber und Gendarm: „Ich bin enne Räuber, ich kann net treu sein“, singen die Karnevalisten. Die Gebote der Kir­che verlangen aber ge­rade die Treue. Und manche Jecken sehen im Pastor vor al­lem den stren­­gen Ordnungshüter und vermuten in ihm zuallererst die ewige Spaß­­brem­se. Bis an die Grenzen gehen, das gehört zum Karneval, wo aber die Gren­­zen liegen, da­für scheint noch immer die Kirche zustän­dig zu sein: bis Ascher­­­mitt­­woch, dann ist alles vorbei. Zweideutige Zo­ten, un­­mora­li­sche Annäherungen und Ausschweifungen: da ist die Kir­che sowieso dagegen!

 

Sind wir also Gegner in einem gemeinsamen Spiel: Räuber und Gen­darm? Beleben wir vielleicht sogar für alle Beteiligten das Geschäft durch unsere Konkurrenz? Oder lebt der Frohsinn vielleicht von bei­dem: von der Kirche und vom Karneval?

 

Es ist zumindest auffällig, dass der rheinische Karneval so ziemlich das­selbe Aus­dehn­ungs­­gebiet hat wie der rheinische Katholizismus.

Es ist auch kein Zufall, dass die Rahmen-Daten des Karnevals zum Kirchen­jahr gehö­ren: „Carneval“, ursprünglich mit C geschrieben, ist ein lateinischer Ausspruch und heißt zu deutsch: Fleisch, lebe wohl! Am Vorabend des Beginns der Fastenzeit, in der die Katholiken in frü­he­ren Zeiten kein Fleisch essen soll­ten, wird Fastelovend, Fast­nacht, Abend oder Nacht vor Beginn der Fastenzeit, gefeiert.

Und auch der 11. 11., mit dem heute die Karnevalssession eröffnet wird, war einmal ein Fastelovend oder eine Fastnacht: denn in einer frü­heren Ord­nung des Kirchen­jahres be­gann nach dem Martinsfest am 11.11. schon die Advents­zeit als Fastenzeit vor Weih­nachten.

Der Karneval lebt von diesen zeitlichen Festlegungen des Kirchen­jah­res. Darin liegt einer seiner Urprünge. Und wenn er diesen Rahmen über Bord werfen wollte, würde er sich selbst zerstören: Kar­ne­val im Som­­­mer, Karneval ohne Session, Karneval das gan­ze Jahr über ist un­denk­bar.

 

Aber die Berührungen und die Schnittmengen sind noch größer und viel tiefer. Sie tref­fen sich an der sympathischsten und liebens­wür­dig­sten Stelle der ganzen Schöp­fung, ja das Zentrum der Gemeinsamkeit zwi­­schen Kirche und Karneval liegt genau da, wo sogar Gott seine größte Freude an seiner Schöpfung hat, und darauf, liebe KG-ler aus Adde, ob ihr es wisst oder nicht, genau darauf weist euer Jubliäums­motto sehr zielsicher hin - es ist das Herz des Menschen: „KG Rot-Weiß – (das) ist doch klar: Spaß mit Herz seit 50 Jahr’“.

Ja, das menschliche Herz ist die liebevollste Stelle der ganzen Schöp­fung Gottes, und das Herz steht auch im Zentrum des Kar­ne­vals:

- Der Karneval ist nämlich menschenfreundlich, er mag den Men­schen trotz seiner Fehler und Mängel: darum werden sie im Karneval liebe­voll aufs Korn genommen und entschärft.

- Der Karneval will den Menschen mit sich selbst versöhnen, trösten, seines Lebens froh werden lassen.

- Der Karneval vemag es, die Herzen der Menschen über all die Gren­zen, die sonst zwischen den Menschen eisern gelten, einander näher zu bringen, ja irgendwie sogar sie verschmelzen zu lassen in ge­mein­sa­mer Lebens­freude.

- Und der Karneval lebt von Freiwilligkeit: wer nicht von Herzen gern und unge­zwun­gen dabei ist, wer auf Kosten anderer herzlos eigene Vor­teile verfolgt, ist kein guter Kar­nevalist.

Und eben im Herzen des Menschen treffen wir aufeinander: Karneval und Kirche, jecker Frohsinn und Glaube.

Und da, im Zentrum, müssen wir uns gerade nicht als Konkurrenten ver­stehen, sondern als Verbün­de­te:

- Es geht ja auch im Glauben nicht nur um’s schöne Reden, sondern ums richtige Tun, um echte gelebte Erfahrungen: Der Glaube soll gute Werke hervorbringen, sagt uns der Apostel Jakobus in der heutigen Le­sung: Gib deiner Schwester, deinem Bruder, die in Not sind, Klei­dung und Nahrung, nur fromm reden und dabei über die Notleidenden hin­­wegsehen, nützt nichts. Ähnlich im Karneval: Nörgler, Miesepeter, Neid­hammel, Ego­­is­ten nützen auch im Karneval nichts, sondern nur die stiften Lachen und Freude für die anderen, die aktiv werden, die sich anstecken las­sen, die mitmachen und sich sel­ber einbringen und damit das aner­ken­nen, was andere für sie tun.

- Das Herz des Menschen, das nach Freude verlangt, braucht aber noch mehr: Man darf nämlich den Karneval nicht bloß als Ablenkung oder Vertröstung verstehen, und schon gar nicht den Glauben: Wir hören heute im Evangelium, wie Jesus den Petrus scharf anfährt, wie er ihn sogar als Satan, also als Lügner beschimpft, der nur sich selbst im Sinn hat und keinem anderen etwas gönnt: Für wen halten mich die Menschen?, hatte Jesus gefragt. Und ihr, für wen haltet ihr mich? Was denkt ihr von mir und was denkt ihr vom Menschen allgemein, wie er ist und was sein Weg durch dieses Leben ist und sein Ziel?

Petrus gibt für alle die Antwort: Du bist der Messias. Also: der von Gott zu uns Gesandte, der Mensch für uns, der Erlöser und Retter.

Ja, das stimmt, aber Petrus hat das Entscheidende noch gar nicht im Blick: Dass Jesus dafür leiden muss, dass er das Dunkle und Schwere unseres Lebens mit uns und für tra­gen muss, dass er sogar den größten Feind des Menschen, den Tod und die Ferne von Gott, selber durch­lei­den muss, um für uns wirklich der Messias zu sein.

Das will Petrus verdrängen, darum will er einen großen Bogen ma­chen, da kann er zum Satan werden, der sich und die Menschen be­lügt. Und er ist sich dabei so sicher, dass er sogar mit Jesus des­wegen schimpft: Wie kannst du nur von Leiden reden? So etwas dir oder an­de­ren zumuten wollen?

Jesus aber verdrängt nichts und beschönigt nichts. Sein Evangelium lau­tet: Nur wer den Dingen ins Auge sieht, nur wer bereit ist, auch das Kreuz des Lebens anzusehen und zu tragen hinter mir her, wer sich sel­ber loslässt im Vertrauen auf Gott, wird das volle und wahre Leben fin­den, das sich nicht als Trug und Täuschung erweist und sich nicht in Nichts auflöst.

Nach dem Karneval kommen die Fastenzeit und die Karwoche, und dann feiern wir Ostern. Nur die Freude bleibt und wird dem Herzen des Men­­schen wirklich gerecht, die nichts verdrängt, sondern das Leben auch in seiner Schwere besteht. Und das ist ja auch am Karneval so sym­pathisch: er will nicht verdrängen und beschönigen, sondern trotz­dem lachen, trotzdem Freude suchen, trotz der Probleme der Zeit.

Das ist aber wiederum typisch christlich: denn wir glauben daran, dass das Kreuz nicht das Letzte ist, sondern überwunden wird. Darum ist christ­liche Freude immer auch eine Freude trotz des Leids, trotz des bevorstehenden Todes, trotz des Bösen in der Welt, weil Gott und das Werk Jesu, des Messias, größer sind.

 

Liebe Karnevalisten, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, der Karneval lebt nur richtig und gut in seinen Grenzen. Und der Karneval lebt auch vom Glauben. Der Glaube aber weiß, dass Gott jede Grenze ein­mal überwinden wird, sogar die schlimm­ste, die des Todes.

Wie­der­um ist es deshalb ein sympathischer Zug des Addener Karneval, dass ihr einmal im Jahr, am 11.11. auch ganz ausdrücklich eurer Ver­stor­benen gedenkt. Im Herzen des Men­schen treffen sich Freude und Glau­be. Darum sind wir Verbündete.

Unser aller Ziel und Meister aber, ja der einzige, der ganz über das Herz des Menschen ver­fügen darf und kann, weil er uns zu ewi­gem Leben und ewiger Freude ruft, ist Gott allein. Amen.

 

Pfarrer Dr. Helmut Dieser, Adenau.